Technik, die begeistert

In einer Reihe, exakt auf der Linie, stehen die Jugendlichen in ihren weißen Anzügen, mit den bunten Gürteln um die Hüfte. Keiner rührt sich, keiner sagt ein Wort. Diszipliniert und konzentriert lauschen sie, was ihre Trainer Lars Bartschat und Michael Surkau ihnen erzählen. Dann ein Lob, ein flüchtiges Lächeln. Das ist alles. Schon stehen die Sportler wieder regungslos und lauschen ihren Übungsleitern.

So geht es immer zu beim Karatetraining des TVE Greven. Für einen Außenstehenden wirkt es fast wie ein Tanz, so gleichmäßig, elegant und leicht wirken die Bewegungen der Übenden.
Michael Surkau, Lars Barschat und Andreas Glatzel, Schwarzgurt-Träger im TVE und damit Trainer der restlichen Karatekas, geben sich drei Mal in der Woche Mühe, den jungen Sportlern zu zeigen, was Karate auszeichnet. Eine Kampfkunst, betont Surkau, nicht einfach nur eine Sportart. Es gehe dabei nicht nur um die bloße Fähigkeit, sich verteidigen zu können, sondern um weit mehr. Die hohe Konzentration zum Beispiel bewirkt, dass man auch in Beruf und Schule besser wird, weil die Konzentrationsleistung gesteigert wird. Tief bleiben, Hüfte unten lassen, ruhig stehen! Arm gerade zur Seite und nicht im Bogen! Knie hoch nehmen! So schallt es durch die Halle. Surkau, Bartschat und Glatzel achten penibel auf Kleinigkeiten, denn Unsauberkeiten können zu Verletzungen führen, die Surkau in den bisherigen acht Jahren seiner Karriere jedoch noch nicht unter gekommen sind Gott sei Dank.
Lars Bartschat stellt sich an die Kopfseite der Halle und blickt die Karatekas ruhig an. Er wechselt einige japanische Worte mit ihnen. Dann zuckt plötzlich sein rechter Arm nach vorne, das linke Bein wird nachgezogen, das Knie hoch, ein schneller Tritt nach vorne, dann wieder absetzen, rechte Hand zurück, linke nach vorne, stopp. Bartschat nickt den Sportlern zu, jetzt sind sie dran. Mit konzentrierten Gesichtern wirbeln sie durch die Halle, schlagen in die Luft, mal schräg nach vorne, mal zur Seite, treten ihren unsichtbaren Gegner in die Magengegend, gehen in die Verteidigung zurück.
Bei jedem Training lernen die Karatekas nach einigen grundlegenden Dingen Techniken, die sich aneinander reihen und aufeinander aufbauen, so Surkau. Außerdem lernen sie verschiedene Hilfestellungen und verbessern die koordinativen Techniken. Den Karatekas glänzen bereits die ersten Schweißperlen auf Brust und Stirn, der Atem geht schneller, die Kräfte lassen nach. Trotzdem: diszipliniert sein und sich zusammenreißen gehört dazu. Während Surkau auf japanisch von eins bis zehn zählt und verschiedene Kommandos gibt, geht Bartschat durch die Reihen der Sportler und guckt, verbessert, runzelt unzufrieden die Stirn, gibt Ratschläge, lobt, nickt anerkennend.
Klar, dass man nicht von Anfang an so etwas machen kann. Dafür gibt es Anfängerkurse. Im Januar nächsten Jahres wird ein neuer Kursus für Anfänger eingerichtet. Die Sportler sind ein bunt zusammengewürfelter Haufen aus Frauen, Männern, Kindern, Jugendlichen, Familienvätern und Leistungssportlern. Und unterscheiden sich nur an der Farbe ihrer Gurte. Das Trainingniveau ist schon relativ hoch, gesteht Surkau, wehrt sich aber gegen die Behauptung, dass man dann beim Sport keinen Spaß mehr habe. Gerade beim disziplinierten Training sei der Spaß höher, weil die Fortschritte größer sind und es zu keinen Verletzungen und Unfällen kommen kann, wenn jeder konzentriert bei der Sache sei.
Die Trainingszeit ist vorbei. Surkau, Bartschat und Glatzel stellen sich an die Stirnseite der Halle. Die jungen Karatekas stellen sich gegenüber auf. In einer Reihe, exakt auf der Linie. Die formelle Verabschiedung dauert nicht lange. Kurzes Schweigen, dann eine Verbeugung. Vielen Dank fürs Training. Bis zum nächsten Mal. Dann gehts konzentriert weiter.