Bellinzona aus meiner Sicht

Ein paar Tage sind inzwischen wieder ins Land gegangen, aber ein kleiner Bericht aus einer anderen Sicht des Länderkampfes kann nicht ganz schaden.

Die Zeit ist manchmal doch ein wenig komisch. Manchmal vergehen die Tage, Wochen und Monate bis zu einem bestimmten Ereignis gar nicht und plötzlich scheint sich die Uhr ein wenig schneller zu drehen und bevor man sich versieht ist schon wieder alles vorbei.
Der 04 Juni 2005 war mal wieder so ein Datum. Bereits im Januar wussten wir bescheid, dass uns die Aufgabe zuteil wurde Deutschland beim Länderkampf gut zu vertreten. Die folgenden Monate wurden durch viel Training, Nervosität und kleinen Rückschlägen geprägt.

Die letzten Tage vor dem Event waren dann von einer gewissen Anspannung und Nervosität geprägt. Man stellt sich oft die Fragen ob man fit genug ist, ob man noch kurzfristig krank wird und ob überhaupt alles klappt. Private Dinge rückten in den Hintergrund und man war froh wenn man den Kopf frei bekam..

Am Donnerstag ging es dann nach einem gemütlichen Frühstück in meinen Räumlichkeiten entspannt auf die Autobahn. Kurz hinter Aschaffenburg hatte die gemütliche Fahrt auf einem kleinen, siffigen und langweiligen Parkplatz ein Ende. Die Ölpumpe gab ihren Geist auf und wir mussten uns an den ADAC wenden. Die gelben Engel glänzten vielmehr durch lange Wartezeiten als durch Hilfe. Nach mehr als vier Stunden Langweile und Frustration und Angst das der Länderkampf doch irgendwie gelaufen ist, konnten wir irgendwann die Fahrt fortsetzen und kamen um kurz nach acht endlich in Aalen an.
Nachdem Eugen Sensei und der Rest der Truppe ausgiebig begrüßt wurden, ging es erstmal in die Stadt um einen Happen essen und trinken.
Beim anschließenden Anbringen des Kaderabzeichens an Romans Gi (mit dem Nähzeug seiner Oma) sprach man kurz über die kommenden Tage und bemerkte die Spannung, die sich langsam aber sicher über die gesamte Mannschaft legte.

Nach einer kurzen Nachtruhe ging es am Freitag in Richtung Schweiz und schon bald konnte man am Horizont die ersten Berge und ihre schneebedeckten Gipfel erkennen. Rund zwei Stunden später befanden wir uns schon in der Schweiz und dank der Ortskenntnis von Eugen Sensei wurde an einer Schlucht die erste Pause gemacht.
Vor uns zeigte sich die Viamala Schlucht, ein gewaltiges Naturschauspiel mit Wasser und Felsen in den Hauptrollen. Nachdem wir uns an dieser beeindruckenden Kulisse ein wenig entspannt hatten und uns in die Reihen der Touristen, die die Schlucht ein wenig genauer erkunden wollten, eingereiht hatten ging es weiter in Richtung Süden. Da der San Bernadino Tunnel gesperrt war, nahmen wir den gleichnamigen Pass. Enge, steile Serpentinen galt es mit unserem VW Bus zu erklimmen und einige Minuten mit flauem Gefühl im Magen wurden wir auf knapp 2100 Metern mit viel Schnee für diesen Umweg belohnt. Kurze Pause, Fotos machen, Schneeballschlacht und weiter gings. Inzwischen füllten die Aufnahmen fast eine ganze Videokassette, aber diese einmaligen Eindrücke mussten festgehalten werden, denn keiner weiß wann er wieder da unten zu Besuch sein wird.
Passend in Bellinzona angekommen machte der Bus die ersten komischen Geräusche, die vor der Turnhalle zunahmen und im Ausfall der Servolenkung endeten. Toll, das zweite Auto in zwei Tagen mit einer Panne und diesmal waren die gelben Penner nicht in der Nähe.
Bevor man sich aber so richtig um das Auto kümmern konnte, musste man sich beeilen, um pünktlich zum Training zu kommen.
Kawasoe Shihan kennt man ja schon, aber Koga Shihan war eine echte Neuerung und das Training lohnte auch. Zudem ist es schon eine anderes Feeling, wenn man nicht mit bekannten Gesichtern trainiert, sondern mit zwei Japanern, die vom Training genauso verstanden wie wir, aber vier Augen sehen immer besser als zwei.
Das Training unter den beiden Großmeistern lenkte zudem ab. Man sah die meisten Karatekas beim normalen Training und stellte fest, dass diese auch nur mit Wasser kochen und keine Superhelden sind.

Der Rest lief an diesem Tag recht gut. Wir erhielten freundlicherweise einen Shuttleservice, der uns von der Halle zur Jugendherberge brachte. So Autofahren möchte ich auch mal können. Kaum Rücksicht auf den Verkehr und wenn doch mal einer doof kommt, einfach anscheißen. Tolle Mentalität, die italienischen Schweizer.
Ein Teil der Burgmauern liefen im Rückteil der Jugendherberge entlang und zäunten den Garten, der mehr aus Palmen als alles anderen bestand in einer faszinierenden Weise ein.
Unser Team wurde in Einzel-, einem Doppel- und einem Vierbettzimmer aufgeteilt. Roman, Alex, Dan und ich, die bekloppteste mögliche Kombination, riss sich das große Zimmer unter den Nagel und wurde derbe enttäuscht. Betten zu kurz und relativ eng, aber dadurch wieder nett kuschelig.
Nachdem die Zimmer belegt und die ersten Sachen aufgehängt waren, traf man sich bei uns im Zimmer und besprach das weitere vorgehen. Nachdem ersten Blick auf die Wettkampfunterlagen kam die Nervosität auf. Keine Gewichtsklassen, Faustschützer, Katamannschaft? Es gab so vieles was unklar aber eigentlich auch unwichtig war und auf eine Beantwortung unserer Fragen mussten wir noch warten.

Mit den Österreichern konnte man den offiziellen Eröffnungsakt auf einer der gewaltigen Festungsanlagen ganz gut hinter sich bringen und anschließend folgten wir unserem großen Wunsch nach einer warmen Mahlzeit. In einer kleinen Trattoria in einer kleinen Gasse um die Ecke wurden wir herzlich begrüßt, aber kaum verstanden, was zu allerlei Problemen bei der Essenswahl führte. Pasta oder nicht, Filet, aber nur drei Stück, Fisch oder doch Cola? Am Ende bekam alle das was sie wollten, auch wenn die Rechnung nicht erfreulich war.
Noch schnell ein Eis gegessen, das Beatles Coverkonzert genossen, den Frauen hinterher geschaut, andere Karatekas getroffen und ab in die Heia, da man am nächsten Tag ja noch einen Wettkampf zu bestreiten hatte. Aber ein wenig über den anstehenden Tag und die letzten Wochen konnte man ja noch ganz kurz quatschen?.

Wer noch nicht um kurz nach sechs wach war, wurde von mir unbarmherzig geweckt. Zwar hatte ich nicht viel zu tun, wurde aber als kleiner Unmensch betitelt. Mir war es egal und was zu essen war definitiv wichtiger. Zwar war die Auswahl im Speiseraum beschränkt, aber die Aufnahmefähigkeit meines Magens in Hinblick auf den Wettkampf ebenfalls.
In der Halle selbst erlebten wir ein Wechselbad der Gefühle. Triumph, Enttäuschung, Ärger. Es war über den ganzen Tag immer wieder anders und es wurde nicht besser, dass man zusammen litt. Aber freuen konnte man sich sehr über den vierten Platz von Dana, die an diesem Tag wirklich über sich heraus wuchs und neben ihrer eigenen Vorbereitung auch den anderen Mitgliedern zur Seite stand.Die Kulisse unglaublich. Was für eine Ausstrahlung bei den Katas der Japaner, Gänsehautfeeling als Halle beim Finale der Kumitemannschaft fast überkochte. Respekt muss man den Schiedsrichtern zollen, die sich unbeeindruckt von den Reaktionen des Publikums zeigten. Eine DM ist ein Kindergarten dagegen und man fühlt den Druck, der von den Zuschauern ausgeht fast am eigenen Leib.
Und hatte man kurz zuvor einen Gegner noch im Pool gegenüber gestanden, war es nach einer kurzen Zeit schon wieder vorbei und man konnte sich bestens unterhalten, wobei die Sprache weniger wichtig war.

Sicherlich ging meine positive Grundstimmung den einen oder anderen zwischenzeitlich auf den Senkel, aber man muss das Ergebnis eines Kampfes ja nicht immer von einer Perspektive betrachten, sondern alle Seiten genau analysieren und irgendwo kommt immer noch was Gutes raus.
Die erste Enttäuschung war bereits am Abend überwunden und nachdem sich nach dem Buffet und der Siegerehrung auch schnell die Stadthalle leerte, folgten wir den Österreichern in die Stadt und genossen einmal mehr das lebendige Straßenleben von Bellinzona. Roman an der Luftgitarre, Dan, Willi und ich am nicht vorhandenen Mikrofon verstärkten die Liveband und kehrten erst spät in der Nacht ins Hotel zurück, oder schliefen gleich vor der Jugendherberge.

Mit einem dicken Schädel ging es am Sonntag auf die lange Heimreise und der Stress, der uns in den letzten Tagen mit wenig Schlaf und Pausen auskommen ließ, war wie weggeblasen. Dafür forderte der Genosse Schlaf seinen Tribut und die meiste Zeit der 12 Stunden Tour verschlief man und realisierte erst als man zuhause war, dass die letzten vier Tage zu den wenigen Momenten gehört, die man nicht vergessen wird, die aber viel zu schnell vorbei gingen. Dafür sind neben den einzelnen Leuten auch die Atmosphäre und der zumindest diesmal gleiche Weg, den man gemeinsam beschritt, verantwortlich und ich schätze mich glücklich dabei gewesen zu sein.