Sommergasshuku 2021 in Löbau

„Als ich 40 war, habe ich mich gefragt, wie ich es anstellen könnte, schnell zu bleiben.“

Manabu Murakami Shuseki Shihan

Es war ein besonderer Lehrgang, nicht nur für uns, sondern im Allgemeinen. Die Pandemie sorgte dafür, dass über ein Jahr kein Lehrgang stattgefunden hat. Wie wird es sein? Das Training? Der Lehrgang? Das Drumherum? 

Wir stellten uns diese Fragen unterwegs in Richtung Sachsen. Für Michael (S)G. und Michael S. standen am Samstag Danprüfungen an, weswegen sich Lukas kurzerhand eine Woche vor dem Lehrgang entschloss, ebenfalls die Reise ins rund 650 km entfernte Löbau anzutreten. Alex fuhr uns Trainierende am frühen Donnerstagmorgen entspannt bis an die ostdeutsche Grenze. Und wir hatten unterwegs viele tolle Themen auch jenseits des Karate, sodass die Stunden schnell vergingen.
Es war bekannt, dass Nagai Shihan den Chief Instructor des SKIF, Manabu Murakami Shihan, eingeladen hatte. Dieser übernahm alle Trainingseinheiten, während Nagai Shihan durch die Reihen zog und für zusätzliche Motivation und Korrekturen sorgte.

Gruppenfoto
Lukas, Michael S., Eugen Landgraf Sensei, Akio Nagai Shihan, Manabu Murakami Shihan, Antonio Ceferino Sensei und Michael Schulze Gronover

Murakami Shihan begann jedes Training in nahezu identischer Weise: Tsuki-Kombinationen mit Schweißperlengarantie. Zur Anfeuerung der Trainierenden klatschte er in die Hände, um die Geschwindigkeit und den Takt der Tsukis zu motivieren. Jedem wurde sofort klar: der Lehrgang nahm keine Rücksicht auf die globalen Ereignisse und musste dies glücklicherweise auch nicht. Die gelockerten Regelungen zur Pandemie sorgten für Unbeschwertheit. Nach den Tsukis ließ der Chief Instructor uns am Donnerstag Gohon-Kumite trainieren. Der didaktische Aufbau der Übungen war erstklassig! Zunächst wurde getrennt die Kombination für Angriff und Abwehr studiert und dann zusammen trainiert. Anschließend erfolgte die Steigerung der Komplexität der einzelnen Kombinationen. Zu guter Letzt wurde das simple Fünfmal nach vorn mit anschließendem Konter, durch ein Dreimal nach vorn, einen Schritt nach hinten und wieder einen Schritt nach vorn mit einer  Kontertechnik ersetzt. Hierdurch zeigte er, wie einfach es ist, Gohon-Kumite auch für Schwarzgurte sehr ansprechend zu gestalten.

Mit Blick auf die zahlreichen Danträger und die Dojoleiter legte Murakami Shihan Wert darauf, wie die Art und Weise der Lehre zu variieren ist. Unterschiedliche Graduierungen erfordern unterschiedliche Schwerpunkte der Lehre des Karate. Er fügte bei Erläuterungen oft hinzu, dass bestimme Aspekte nur ab bestimmten Gürtelgraden von belang ist. Zu manch praktischer Ausführung gab es somit einen gehörigen theoretischer Anteil. 

Immer wieder suchte er den Dialog mit den Teilnehmern, indem er die Menge zu sich holte, um kurze Demonstrationen zu geben und deren Ausführungen in Frage stellte. Am Samstag führt er in einer solchen Situation aus, dass er, als er im Alter von 40 Jahren spürte, langsamer zu werden, sich die Frage stellte “wie kann ich diese Entwicklung weiter verschieben?”. Stille. Er schaute in die Menge. Schließlich gab er seine eigene Entdeckung preis: „Nutze das, was dir gegeben ist: dein Körpergewicht“. Viele der zuvor schmunzelnden Gesichter wandelten ihren Ausdruck als Murakami dies in die Praxis umsetzte und eine Drehung unter Ausnutzung des eigenen Körpergewichtes vormachte. Man konnte in den Gesichtern der Trainierenden sehen wie Verstanden wurde. Theorie und Praxis eng verknüpft und präsentiert: ein pures Vergnügen. 

Sommergasshuku 2021 - Gruppenbild
Sommergasshuku 2021 – Gruppenbild der Teilnehmer @Akio Taoka

Bezüglich des Trainings zum Erlernen einer Kata, betonte er, wie wichtig es sei, sein eigenes Timing zu finden. Natürlich gibt es zu jeder Kata ein Vorgegebenes. Das Timing lässt jedoch Freiheiten zu, Techniken zu betonen. Das Mittel der Betonung sind Pausen, wie es auch in rhetorischen Reden üblich ist.
Er ließ auch den Aspekt der Anwendung einer Kata nicht außer acht. So wurden die gut 100 Lehrgangsteilnehmer am Freitag ganz grundlegend über das Thema Bunkai unterrichtet. Anhand der Taikyoku Shodan verdeutlichte er den Unterschied zwischen der Ausführung als reine Kata und der Ausführung mit Anwendung der Techniken. Niemand will sich mit einer Abwehrbewegung in den (virtuellen) Angriff hineinbewegen (sofern nicht zwingend erforderlich), demzufolge variierte er die initialen Abwehrbewegungen beim Richtungswechsel so, dass diese einer Rückwärtsbewegung folgten. Ferner ließ er zur Steigerung der Richtungswechsel, Wiederholungen von Techniken in einer Richtung komplett entfallen. Das Ergebnis war eine derart abgewandelte Taikyoku Shodan, die es an Drehbewegungen in sich hatte. Bei den Drehungen in den Gedan-Barai betonte er, dass man den Fuß ebenfalls vollständig in die Richtung dreht. Man muss also darauf achten, ob auf der Ferse oder auf dem Ballen gedreht werden muss. Dieses Brummkreiseldrama fand dann ein Ende durch die Fragestellung, wie viele Gedan-Barai eigentlich möglich sind, wenn der vordere Standfuß seine Position behält und vier Richtungen vorgegeben sind (es sind 16, – selber überlegen!).

Auf das Thema Kumite ging der Schnellgebliebene ausgiebigst am Sonntag ein. Gestartet wurde mit Suri-Ashi durch die Halle ohne Bewegung der Arme. Den Abschluss fand Yori-Ashi mit Richtungswechsel, wobei die Richtung nach vorn dominant auszuführen war. Dies unter Hinzunahme von Tsukis, von denen erstere eher täuschend, letztere in jedem Fall stark zu machen waren. Für die Details, möchte ich euch lieber selber zu einem solch unvergesslichen Augenblick verhelfen und zu einem Lehrgang einladen.

Neben dem Karate gab es durch das sehr engagierte Löbauer Dojo, ein Rahmenprogramm, das viel Spaß und Abwechslung bot. Bereits bei der Anmeldung zum Gasshuku konnte man zwischen zahlreichen Aktivitäten am Freitag und Samstag Vormittag auswählen. Wir hatten uns gegen die Teilnahme entschieden, da wir Löbau und die Gegend erkunden wollten. Die Innenstadt von Löbau lud uns auch direkt zum zweiten Frühstück ein. Danach machten wir uns frisch gestärkt zum Löbauer Turm auf. Dabei handelt sich um den einzigen Gußeisernen Turm in Europa. Die 28 Meter Turmhöhe reichten allerdings aus, um sich einen schönen Überblick über Löbau und die umliegende Umgebung zu verschaffen.

Am Samstag Vormittag fuhren Alex, Lukas und Michael G. nach Bautzen, um sich dieses Örtchen mal genauer anzusehen. Der andere Michael hatte als Dojoleiter an einer Versammlung teilzunehmen und konnte somit nicht mit.
Schwer beeindruckt von der Sonnenuhr am Bautzener Rathaus, standen wir dort auf dem Marktplatz und überlegten, was dort alles abzulesen sei. Wir kontaktierten Einheimische, die uns einen ersten Ansatz zur Erklärung gaben. Jedoch blieb es zunächst dabei. Kurzerhand entschlossen wir uns für den effektivsten, eine Stadt näher kennenzulernen und buchten eine Rundfahrt in einem kleinen Bus. Von einer Türmerin unterrichtet, lernten wir die Stadt der Türme, derer sie 17 hat, etwas näher kennen. Am Ende der Rundreise durch Bautzen waren wir wieder auf dem Rathausplatz vor der Sonnenuhr. Dieses mal jedoch mit versiertem Personal und bekamen so die Uhr erläutert. Diese versetzt einen in die Lage nicht nur die Uhrzeit, sondern darüber hinaus auch den Monat, den Tag und die Tageslänge abzulesen – sehr cool.

Bei den Abendveranstaltungen war alles dabei. Vom gemütlichen Grillabend, über einen gemütlichen Abend bei einer Berghütte bis zur Gasshukuparty in der Festscheune. Auch wenn die Musik nicht immer meine Songs gespielt hat, so hat es an Stimmung absolut nicht gefehlt.